Zeig mir die andere Seite vom Glück
I.
Nein, ich meine nicht Traurigkeit
oder Verzweiflung.
Ich meine Beständigkeit.
Das Gleichmaß des Lebens.
Meinst du das Auf-und-ab,
den Wechsel zwischen den Tagen des Lichts
und der Dunkelheit?
Ich meine Sicherheit. Geborgenheit.
Den Zustand ohne Fragen. Ohne Zweifel.
Die Zeit, in der Regen willkommen ist und
Sonne die Tage nur wärmt und nicht verbrennt.
Wo der Winter keine Worte erfrieren lässt
und das Frühjahr bereitwillig den Boden bereitet
für das Geschehen, das erwartet wird.
Erwartung. Die Zeit des Wartens ohne müde zu werden.
Ein Warten, das Früchte trägt,
vielleicht nicht erst im Herbst.
II.
Und dann stehst du am Fenster,
sinnend, die Hand an den Holm gelegt und siehst
in die Ferne.
Siehst auf das was kommt
und was war.
Und fühlst Ruhe und Frieden.
Du weißt, die kommenden Tage werden anders,
neu und unbekannt.
Aber du bist ruhig. Ohne Angst, ohne Sorge.
Der Wind streicht über dein Haar
und dein Auge streift die Erinnerungen
der Jahre und Jahrzehnte.
III.
Was ist Zeit? fragst du.
Was ist Glück? frage ich zurück.
Liegt nicht das Glück zwischen den Zeiten?
Und die Zeit zwischen dem Glück?
IV.
Morgen gibt es Antworten, im Augenblick
liegt noch verborgen, was dann bekannt sein wird.
Du weißt nicht, ob es Sommer ist oder Winter.
Frag den Frühling er wird den Herbst um Rat fragen.
Nein, kein Zweifel. Keine Sorge rührt das Herz.
V.
Das Glück habe ich längst gefunden.
In den Worten und zwischen den Zeilen
liegt es verborgen
und zeigt sich manchmal des Nachts
dem der schreibt
und dem der liest, was geschrieben wurde.
Am Tag verbirgt sich die Erkenntnis.
Sie scheut das Aufsehen, das sie mit sich bringt,
der laute Jubel ist nicht ihre Art.
Still freut sie sich über den, dem sie begegnet.
VI.
Schreibe, sagt er.
Schreibe um dein Leben und gegen das Ende.
Welches Leben? frage ich.
Und welches Ende?
Das Ende der Worte. sagt er.
Denn das bedeutet das Ende
des Glücks.
© K.M. (Claire.delalune)
gelesen von Elsa Rieger
